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9b.de – Das Zukunfslabor

Kurz gesagt: Die Erde käme ohne uns erstaunlich schnell zurecht, aber sie würde uns nicht sofort vergessen. Binnen Stunden gingen die Lichter aus, binnen Wochen liefen U-Bahn-Tunnel voll, binnen weniger Jahrzehnte eroberten Wälder und Wildtiere die Städte zurück. Ein Teil unseres Kohlendioxids bliebe dagegen Jahrtausende in der Luft und würde sogar die nächste Eiszeit verschieben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die ersten Stunden: Ohne Menschen, die Kraftwerke steuern und mit Brennstoff versorgen, bricht die Stromversorgung zusammen.
  • Die ersten Tage: Allein aus der New Yorker U-Bahn pumpt die Verkehrsbehörde MTA täglich rund 49 Millionen Liter Wasser. Ohne Pumpen bleibt es im Tunnel.
  • Die ersten Jahre: Wie schnell Tiere zurückkehren, zeigt die Sperrzone von Tschernobyl. Dort leben heute so viele Elche, Rehe, Hirsche und Wildschweine wie in Naturschutzgebieten, Wölfe sogar mehr als siebenmal so viele.
  • Die nächsten Jahrtausende: Etwa 20 Prozent des ausgestoßenen CO2 bleiben laut Weltklimarat viele Jahrtausende in der Atmosphäre.
  • Die nächste Eiszeit: Schon ein moderater Eingriff in den Kohlenstoffkreislauf kann sie laut Potsdam-Institut um bis zu 100.000 Jahre hinauszögern.
  • Das Ende: Über das endgültige Schicksal der Erde entscheidet nicht der Mensch, sondern die Sonne, in einigen Milliarden Jahren.
49 Mio. l
Wasser pumpt die MTA täglich aus der New Yorker U-Bahn
7×
mehr Wölfe in der Tschernobyl-Sperrzone als in Schutzgebieten
~20 %
des CO2 bleiben viele Jahrtausende in der Luft (IPCC)
100.000
Jahre Verschiebung der nächsten Eiszeit möglich (PIK)

Der Zeitstrahl auf einen Blick

Stell dir vor, alle Menschen verschwinden in einem einzigen Augenblick. Kein Krieg, keine Seuche, keine Zerstörung, sie sind einfach weg. Was dann passiert, lässt sich erstaunlich gut abschätzen, weil es auf der Erde längst Orte gibt, an denen der Mensch sich zurückgezogen hat. Und weil wir genau wissen, welche Systeme nur funktionieren, solange jemand sie bedient.

Nach StundenDie Stromnetze fallen aus, weil niemand Kraftwerke steuert und mit Brennstoff versorgt.
Nach TagenPumpen stehen still, Tunnel und Keller laufen voll Wasser.
Nach JahrenWildtiere erobern verlassene Gebiete zurück, wie in der Sperrzone von Tschernobyl.
Nach JahrzehntenDächer brechen ein, Bäume wachsen durch Asphalt, Holzbauten verrotten.
Nach JahrtausendenRund ein Fünftel unseres CO2 ist noch immer in der Atmosphäre.
Nach Zehntausenden JahrenDie nächste Eiszeit bleibt aus, weil unser CO2 nachwirkt.
In Milliarden JahrenDie alternde Sonne bestimmt das Ende, nicht der Mensch.

Die ersten Stunden: Das Licht geht aus

Das Erste, was ohne uns endet, ist die künstliche Ordnung, die wir jeden Tag aufrechterhalten. Ein Stromnetz ist kein Selbstläufer. Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke brauchen ständig Nachschub an Brennstoff, Netzleitstellen gleichen Erzeugung und Verbrauch im Sekundentakt aus. Fällt diese Steuerung weg, geraten die Netze aus dem Gleichgewicht, und Schutzsysteme schalten Anlagen ab, bevor sie Schaden nehmen.

Damit gehen in den Städten nach und nach die Lichter aus. Solaranlagen und Windräder liefern zwar weiter Strom, doch ohne funktionierendes Netz und ohne Abnehmer verpufft er weitgehend. Aus dem Weltall betrachtet wäre die Nachtseite der Erde zum ersten Mal seit mehr als hundert Jahren wieder fast vollständig dunkel.

Die ersten Wochen: Das Wasser kommt zurück

Kaum etwas zeigt so deutlich, wie viel Arbeit hinter einer funktionierenden Stadt steckt, wie das Wasser im Untergrund. Die New Yorker Verkehrsbehörde MTA beziffert die Menge, die ihre Pumpen Tag für Tag aus dem U-Bahn-Netz entfernen, auf mindestens 13 Millionen Gallonen. Das sind rund 49 Millionen Liter, jeden Tag, nur damit die Gleise trocken bleiben.

Ohne Strom steht jede dieser Pumpen still. Das Wasser, das ständig in Tunnel, Schächte und Keller sickert, bleibt dann einfach dort. In Großstädten mit tiefen U-Bahnen würden sich die Tunnel nach und nach füllen, Fundamente stünden dauerhaft im Wasser, und Stahl würde rosten. Was wir als festen Boden unter unseren Füßen wahrnehmen, ist in Wahrheit ein System, das ständig gegen das Wasser verteidigt wird.

Die ersten Jahre: Die Tiere kehren zurück

Für die Frage, wie schnell sich die Natur verlassene Gebiete zurückholt, gibt es ein reales Experiment. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 wurden rund 116.000 Menschen dauerhaft aus einer Sperrzone von etwa 4.200 Quadratkilometern umgesiedelt. Seitdem lebt dort fast niemand mehr.

Ein internationales Forschungsteam hat für die Fachzeitschrift Current Biology langjährige Zählungen ausgewertet. Das Ergebnis: Elche, Rehe, Rothirsche und Wildschweine kommen in der Sperrzone ähnlich häufig vor wie in vier unbelasteten Naturschutzgebieten der Region. Wölfe sind sogar mehr als siebenmal so häufig. Schon in den ersten zehn Jahren nach dem Unfall stiegen die Bestände von Elch, Reh und Wildschwein deutlich an. Einen negativen Effekt der Strahlung auf die Zahl der Säugetiere fanden die Forscher in ihren Daten nicht.

Was Tschernobyl zeigt: Der Mensch mit Landwirtschaft, Jagd und Verkehr wirkt sich auf viele Wildtiere offenbar stärker aus als eine radioaktive Belastung. Ohne uns würden sich Tiere auf der ganzen Welt ähnlich schnell ausbreiten, vor allem in Regionen, in denen es noch zusammenhängende Wälder gibt.

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Nach Jahrzehnten: Die Städte zerfallen

Gebäude sind für Pflege gebaut, nicht für die Ewigkeit. Jedes Dach, jede Fuge und jede Dachrinne braucht regelmäßige Wartung. Fehlt sie, dringt Wasser ein. In kälteren Regionen gefriert es im Winter, dehnt sich aus und sprengt Risse immer weiter auf. Samen setzen sich in diesen Rissen fest, Wurzeln vergrößern sie. Holzbalken verrotten, Stahlträger rosten, Dächer geben nach.

Die verlassene Stadt Prypjat bei Tschernobyl zeigt, wie das nach wenigen Jahrzehnten aussieht: Bäume wachsen aus Straßen und Plätzen, Fassaden sind von Pflanzen überwuchert, viele Gebäude sind einsturzgefährdet. Asphalt und Beton halten länger als Holz, doch auch sie werden ohne Ausbesserung zu Schotter. Am längsten stehen massive Steinbauten und Bauwerke aus wenig Stahl, so wie die Pyramiden, die schon heute Jahrtausende überdauert haben.

Nach Jahrtausenden: Was am längsten bleibt

Die sichtbaren Spuren des Menschen verschwinden schneller, als man denkt. Unsichtbare halten deutlich länger. Die wichtigste davon steckt in der Luft. Der Weltklimarat IPCC beschreibt, dass von dem Kohlendioxid, das wir ausstoßen, zwar mehr als die Hälfte innerhalb eines Jahrhunderts aus der Atmosphäre verschwindet, vor allem in die Ozeane und Pflanzen. Ein Teil von etwa 20 Prozent bleibt jedoch viele Jahrtausende in der Atmosphäre.

Das bedeutet: Selbst wenn der Mensch heute verschwände, würde das Klima sich nicht einfach auf den Stand vor der Industrialisierung zurückstellen. Die Erwärmung, die wir angestoßen haben, wirkt sehr lange nach. Zu den dauerhaftesten Spuren gehören außerdem Kunststoffe, Glas, Keramik und die veränderten Gesteinsschichten unserer Mülldeponien, die künftige Geologen noch in Millionen Jahren als Zeitalter des Menschen erkennen könnten.

Nach Zehntausenden Jahren: Die Eiszeit lässt auf sich warten

Seit Hunderttausenden Jahren wechseln sich auf der Erde Kaltzeiten und Warmzeiten ab. Den Takt geben vor allem kleine Schwankungen der Erdbahn vor, die verändern, wie viel Sonnenlicht im Sommer auf der Nordhalbkugel ankommt. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben 2016 im Fachjournal Nature gezeigt, dass die Kombination aus dieser Sonneneinstrahlung und dem CO2-Gehalt der Luft die letzten acht Eiszeitzyklen erklärt.

Die bemerkenswerte Folge für ein Szenario ohne Menschen: Schon ein moderater Eingriff in den Kohlenstoffkreislauf kann die nächste Eiszeit laut der Studie um bis zu 100.000 Jahre hinauszögern. Unser CO2 würde also noch lange nach uns bestimmen, wann sich das nächste Mal Gletscher über Nordeuropa schieben. Für eine Spezies, die es seit rund 300.000 Jahren gibt, ist das ein ziemlich langer Schatten.

In Milliarden Jahren: Die Sonne hat das letzte Wort

Auf sehr lange Sicht spielt der Mensch keine Rolle mehr. Dann entscheidet die Sonne. Nach Daten der europäischen Raumfahrtagentur ESA aus der Mission Gaia ist die Sonne heute etwa 4,57 Milliarden Jahre alt. Ihre höchste Temperatur erreicht sie mit rund acht Milliarden Jahren, also in gut drei Milliarden Jahren. Mit 10 bis 11 Milliarden Jahren bläht sie sich zum Roten Riesen auf und endet schließlich als schwach leuchtender Weißer Zwerg.

Lange bevor es so weit ist, wird die Erde durch die zunehmende Strahlung der Sonne für komplexes Leben unbewohnbar. Die Zeit, in der sich die Natur ohne uns entfalten könnte, ist trotzdem gewaltig: Sie wäre um ein Vielfaches länger als die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit.

Wie würde die Erde ohne Menschen aussehen?

Nachts wäre sie dunkel, tagsüber deutlich grüner. Felder würden verwildern und sich in vielen Regionen wieder in Wald verwandeln. Städte wären nach einigen Jahrhunderten überwachsene Ruinenlandschaften. Wildtiere wie Wölfe, Hirsche und Wildschweine würden sich stark ausbreiten. Am längsten sichtbar blieben massive Bauwerke aus Stein sowie Spuren im Klima und im Boden.

Wie schnell würde sich die Erde ohne Menschen erholen?

Das hängt davon ab, was man meint. Tierbestände erholen sich in wenigen Jahren bis Jahrzehnten, wie die Sperrzone von Tschernobyl zeigt. Wälder brauchen Jahrhunderte, um wieder alt und artenreich zu werden. Das Klima braucht am längsten: Rund ein Fünftel unseres CO2 bleibt laut Weltklimarat viele Jahrtausende in der Atmosphäre.

Würde sich die Erde auch ohne Menschen erwärmen?

Ja, für eine gewisse Zeit schon. Das bereits ausgestoßene CO2 verschwindet nur langsam aus der Luft, deshalb würde die Erwärmung nicht sofort enden. Neue Emissionen kämen allerdings keine hinzu. Langfristig würde sich das Klima stabilisieren, aber auf einem höheren Niveau als vor der Industrialisierung, und die nächste Eiszeit würde sich deutlich verspäten.

Wäre die Erde ohne Menschen besser dran?

Für viele Tier- und Pflanzenarten ja, das zeigt die Rückkehr der Wildtiere in verlassenen Gebieten. Die Erde selbst kennt allerdings kein besser oder schlechter, sie hat schon fünf Massenaussterben überstanden. Der Gedanke ist trotzdem nützlich: Er zeigt, welche unserer Spuren schnell verschwinden und welche wir für Jahrtausende hinterlassen.

Fazit

Die Erde ohne Menschen wäre kein toter Planet, sondern ein sehr lebendiger. Unsere Städte würden schneller zerfallen, als wir es uns vorstellen, die Tiere würden schneller zurückkehren, als wir es für möglich halten. Was bliebe, sind die unsichtbaren Spuren: das CO2 in der Luft und eine verschobene Eiszeit. Genau darin liegt die eigentliche Erkenntnis des Gedankenexperiments. Was wir heute tun, prägt die Erde weit länger, als es uns Menschen überhaupt gibt.

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Häufige Fragen

Was passiert mit der Erde, wenn alle Menschen verschwinden?

Zuerst fallen Strom und Pumpen aus, Städte werden dunkel und Tunnel laufen voll Wasser. In den folgenden Jahren kehren Wildtiere zurück, nach Jahrzehnten zerfallen Gebäude. Am längsten wirkt das CO2 nach: Rund 20 Prozent davon bleiben laut Weltklimarat viele Jahrtausende in der Atmosphäre.

Gibt es einen Ort, an dem man die Erde ohne Menschen beobachten kann?

Ja. Die Sperrzone von Tschernobyl ist seit 1986 weitgehend menschenleer. Langzeitzählungen zeigen, dass Elche, Rehe, Rothirsche und Wildschweine dort so häufig vorkommen wie in Naturschutzgebieten. Wölfe sind sogar mehr als siebenmal so häufig.

Welche Spuren des Menschen bleiben am längsten?

Sichtbar bleiben am längsten massive Steinbauten sowie Kunststoffe, Glas und Keramik. Noch länger wirken die unsichtbaren Spuren im Klima. Das ausgestoßene CO2 kann die nächste Eiszeit laut Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung um bis zu 100.000 Jahre verschieben.

Wann endet das Leben auf der Erde?

Das bestimmt die Sonne. Sie ist heute etwa 4,57 Milliarden Jahre alt und erreicht nach Daten der ESA mit rund acht Milliarden Jahren ihre höchste Temperatur. Mit 10 bis 11 Milliarden Jahren wird sie zum Roten Riesen. Lange vorher wird die Erde für komplexes Leben zu heiß.

D. Volbracht, Gründer von 9b.de
Autor

D. Volbracht

Gründer & Chefredakteur 9b.de

D. Volbracht ist Gründer des Zukunftsmagazins 9b.de. Er wertet Daten und Statistiken aus und entwickelt mithilfe einer Vielzahl von KI-Werkzeugen interaktive Rechner und Tools zu Zukunftsthemen wie Finanzen, Energie, KI und persönlicher Entwicklung.

Quellen
  1. IPCC – Klimabericht AR4, FAQ 10.3: Wie lange bleibt CO2 in der Atmosphäre?archive.ipcc.ch/publications_and_data/ar4/wg1/en/faq-10-3.html
  2. Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – Human-made climate change suppresses the next ice age (13.01.2016)pik-potsdam.de/en/news/latest-news/human-made-climate-change-suppresses-the-next-ice-age
  3. Deryabina et al., Current Biology – Long-term census data reveal abundant wildlife populations at Chernobyl (2015)doi.org/10.1016/j.cub.2015.08.017
  4. MTA New York – Service You Can Count On (2013), Angaben zum Pumpbetrieb der U-Bahnmta.info/document/2311
  5. ESA – Gaia reveals the past and future of the Sun (2022)esa.int/Science_Exploration/Space_Science/Gaia/Gaia_reveals_the_past_and_future_of_the_Sun