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9b.de – Das Zukunfslabor

Kurz gesagt: Vibe Coding macht Software so billig wie nie. Ein erfahrener Entwickler hat mit künstlicher Intelligenz kostenlose Nachbauten von Photoshop, Premiere, Word und Excel gebaut und erklärt selbstbewusst, Software sei vorbei. Die Programme sind noch unfertig, doch sie zeigen, wohin die Reise geht: Wenn eine Person mit KI ganze Programmpakete nachbauen kann, wackelt das Geschäftsmodell, mit dem die großen Softwarekonzerne seit Jahren Milliarden verdienen, das Abo.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Begriff: Vibe Coding heißt, Software per Alltagssprache von einer KI schreiben zu lassen. Collins Dictionary kürte es zum Wort des Jahres 2025.
  • Der Fall: Das Projekt Artcraft bildet sieben Adobe-Programme und drei Office-Programme nach, kostenlos und quelloffen.
  • Der Auslöser: Frust über Abo-Kündigungsgebühren. Adobe zahlte dafür in den USA einen Vergleich über 150 Millionen Dollar.
  • Der Haken: Die Apps sind in einem frühen Stadium, Nutzer melden Probleme bei Grundfunktionen.
  • Die Folge: Das Abo stirbt nicht über Nacht, gerät aber unter wachsenden Preisdruck.
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Programme nachgebaut: 7 von Adobe, 3 von Microsoft
0 €
Preis der Artcraft-Apps, Open Source
150 Mio. $
Adobe-Vergleich wegen Kündigungsgebühren
27.000+
Upvotes für die Nachricht auf Reddit

Was ist Vibe Coding?

Vibe Coding bedeutet, Software per Alltagssprache zu bauen: Man beschreibt der künstlichen Intelligenz, was ein Programm können soll, und sie schreibt den Code. Geprägt hat den Begriff der frühere Tesla-KI-Chef und OpenAI-Mitgründer Andrej Karpathy im Februar 2025. Collins Dictionary kürte Vibe Coding anschließend zum Wort des Jahres 2025.

„Software is over“: Der Fall Artcraft

Hinter der Schlagzeile steht der Entwickler Brandon Thomas. Er arbeitet nach eigenen Angaben seit 15 Jahren in der Softwarebranche, davon rund ein Jahrzehnt mit der Programmiersprache Rust. Unter dem Projektnamen Artcraft hat er sieben der bekanntesten Adobe-Programme nachgebaut. Geschrieben hat er sie mithilfe von Claude Opus 5.5, dem KI-Modell von Anthropic, und zwar komplett in Rust.

Die Liste ist lang. Photocraft soll Photoshop ersetzen, Vectorcraft das Zeichenprogramm Illustrator und Filmcraft den Videoschnitt mit Premiere. Dazu kommen Lightcraft für Lightroom, Effectcraft für After Effects, Designcraft für InDesign und Printcraft für Acrobat Pro. Alle Programme sind Open Source und kostenlos, ein Abo gibt es nicht. Jeder kann den Quellcode herunterladen, verändern und Verbesserungen beisteuern. Finanziert werden soll das Ganze über ein separates Geschäft von Artcraft, das Guthaben für KI-Bild- und Videomodelle verkauft.

Das Echo war gewaltig. Auf Reddit sammelte der Beitrag zu den Adobe-Klonen im Forum r/technology innerhalb einer Woche über 27.000 Upvotes und mehr als 3.700 Kommentare. Thomas selbst blieb nicht bescheiden. Künftig könne jeder funktional gleichwertige Nachbauten bestehender Programme erstellen, schrieb er, und kündigte an, als Nächstes auch Suchmaschinen, Smartphones und werbefreie Infrastruktur angreifen zu wollen.

Nach Photoshop kommen Word und Excel

Wenige Tage nach den Adobe-Klonen legte Thomas nach. Mit GridCraft, DeckCraft und WordCraft stellte er Nachbauten von Excel, PowerPoint und Word vor, ebenfalls mit Claude entwickelt und frei auf GitHub verfügbar. Auch diese Meldung erreichte auf Reddit über 20.000 Upvotes. Das Magazin Tom’s Hardware beschreibt das Projekt inzwischen weniger als Experiment, sondern als gezielten Protest gegen Abo-Modelle.

Ein Verkaufsargument ist die Plattform. Adobe und Microsoft liefern ihre Programme vor allem für Windows und macOS, Linux-Nutzer müssen auf Umwege ausweichen. Die Artcraft-Apps sollen auf allen drei Systemen gleich aussehen und funktionieren. Zwar gibt es mit den Browser-Programmen von Google schon kostenlose Bürosoftware, doch die läuft nur online. Viele Nutzer fürchten dabei, dass sie die Software nie wirklich besitzen und eines Tages doch ein Abo verlangt wird. In der wachsenden Community von Artcraft wünschen sich Nutzer bereits einen Ersatz für die CAD-Programme von Autodesk.

Warum ausgerechnet Adobe?

Thomas nennt die Kündigungsgebühren von Adobe als wichtigen Antrieb für sein Projekt. Damit trifft er einen wunden Punkt. Im Juni 2024 verklagte die US-Regierung den Konzern, weil er hohe Gebühren für eine vorzeitige Kündigung im Kleingedruckten und hinter unauffälligen Links versteckt haben soll. Wer bestimmte Jahrespläne mit monatlicher Zahlung früher beenden wollte, musste laut TechSpot die Hälfte der verbleibenden Zahlungen begleichen.

Im März 2026 einigte sich Adobe mit dem US-Justizministerium auf einen Vergleich über 150 Millionen Dollar. Die Hälfte davon fließt als Strafe, die andere Hälfte als kostenlose Leistungen an betroffene Kunden. Zudem muss Adobe die Gebühr künftig vor Vertragsabschluss klar ausweisen, vor dem Übergang längerer Testphasen in ein kostenpflichtiges Abo erinnern und eine einfache Kündigung ermöglichen. Adobe bestreitet jedes Fehlverhalten. Der Fall zeigt dennoch, warum viele Nutzer vom Abo-Modell genervt sind und warum kostenlose Alternativen so viel Aufmerksamkeit bekommen.

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Eine Person, ein ganzes Softwarehaus

Der eigentliche Umbruch liegt nicht in den Adobe-Klonen selbst, sondern in der Geschwindigkeit. Früher brauchte es Teams aus Dutzenden Entwicklern und Jahre der Arbeit, um ein Programm wie Photoshop auch nur annähernd nachzubauen. Heute erledigt ein erfahrener Einzelner mit KI einen großen Teil davon in Wochen. Thomas schrieb auf X, KI-Modelle erlaubten ihm, wie ein ganzes Unternehmen zu arbeiten.

Für die Softwarebranche ist das eine unbequeme Entwicklung. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass gute Programme teuer in der Herstellung sind und nur wenige Anbieter sie liefern können. Sinken die Kosten für das Schreiben von Code drastisch, verschiebt sich der Wert. Er liegt dann weniger im Code selbst, sondern in Daten, Support, Sicherheit, Vertrauen und in der Gewohnheit der Nutzer. Genau deshalb setzt Artcraft auf eine vertraute Optik: Wer Photoshop kennt, soll sich sofort zurechtfinden.

Wo Vibe Coding an Grenzen stößt

So eindrucksvoll die Schlagzeilen sind, die Artcraft-Programme sind noch weit von ihren Vorbildern entfernt. Frühe Nutzer berichten laut TechSpot von Problemen bei grundlegenden Funktionen. Thomas versprach zunächst, binnen eines Monats volle Funktionsgleichheit mit Adobe zu erreichen. Im Forum Hacker News korrigierte er sich später: Für nahezu vollständige Gleichheit brauche es Monate statt Jahre.

Hinzu kommen rechtliche Fragen. Ähneln die Klone ihren Vorbildern zu sehr, könnten Adobe oder Microsoft juristisch dagegen vorgehen. Auch professionelle Anwender zögern. Ein Kommentator bei Tom’s Hardware brachte es auf den Punkt: Für Unternehmen zählen Support und Verlässlichkeit, für Ein-Personen-Betriebe seien die Apps dagegen interessant. Dazu kommt ein grundsätzliches Problem von Vibe Coding: Code, den niemand gründlich prüft, kann Fehler und Sicherheitslücken enthalten, die erst im Ernstfall auffallen.

Stirbt das Software-Abo?

Kurzfristig nicht. Das stärkste Argument gegen den schnellen Tod des Abos lautet: Firmen kaufen keine Funktionen, sondern Sicherheit. Sie zahlen für Updates, Kompatibilität mit Kunden und Partnern, Datenschutz, Ansprechpartner im Notfall und die Gewissheit, dass ein Programm in fünf Jahren noch existiert. Ein Open-Source-Projekt, das von einem Einzelnen und einer Community getragen wird, kann das heute nicht im selben Umfang bieten. Schon vor Artcraft gab es kostenlose Alternativen zu Adobe und Office, ohne dass die Abo-Modelle eingebrochen sind.

Langfristig verschiebt sich das Kräfteverhältnis trotzdem. Wenn Nachbauten in Wochen statt Jahren entstehen, können Anbieter hohe Preise und unbeliebte Vertragsbedingungen schwerer durchsetzen. Wahrscheinlicher als das Ende des Abos ist deshalb ein Wandel: günstigere Einstiegspakete, fairere Kündigungsregeln, mehr kostenlose Basisversionen und ein stärkerer Fokus auf Service statt auf reine Software. Für Verbraucher ist das in jedem Fall eine gute Nachricht.

Was das für Nutzer und Berufe bedeutet

Vibe Coding verändert nicht nur Preise, sondern auch Berufsbilder. Programmierer schreiben weniger Code selbst und werden stärker zu Architekten, Prüfern und Qualitätskontrolleuren. Gleichzeitig können Fachleute ohne Programmierkenntnisse eigene kleine Werkzeuge bauen, etwa einen Rechner für die Buchhaltung oder eine App für den Verein. Welche Berufe künstliche Intelligenz besonders stark verändert, zeigt unser interaktiver Job-Check Welche Berufe ersetzt KI?

Für Gründer entstehen neue Chancen. Wer Software nicht mehr mit einem großen Team bauen muss, kann Nischen bedienen, die für Konzerne zu klein sind. Ein Überblick über die Märkte, in denen gerade besonders viel Bewegung herrscht, findet sich im Beitrag Branchen mit Zukunft.

Wie funktioniert Vibe Coding?

Statt Zeile für Zeile zu programmieren, schreibt man eine Anweisung wie „Baue mir ein Fotoprogramm mit Ebenen“. Die KI erzeugt den Code, man testet das Ergebnis und beschreibt Fehler oder Wünsche in normalen Worten. So entsteht die Software im Dialog. Profis prüfen den Code zusätzlich, Laien vertrauen oft allein dem Ergebnis.

Welche KI für Vibe Coding?

Verbreitet sind Sprachmodelle wie Claude, ChatGPT und Gemini sowie spezialisierte Werkzeuge wie Cursor, GitHub Copilot oder Lovable, die direkt im Editor oder Browser arbeiten. Für die Artcraft-Programme nutzte Brandon Thomas Claude Opus 5.5. Entscheidend ist weniger das Werkzeug als eine klare Beschreibung der Aufgabe und sorgfältiges Testen.

Welche Risiken hat Vibe Coding?

Die größten Risiken sind unentdeckte Fehler und Sicherheitslücken, weil Nutzer den erzeugten Code oft nicht verstehen. Dazu kommen schwer wartbare Programme, fehlender Support und rechtliche Fragen, wenn Software bestehende Produkte zu genau nachahmt. Für private Projekte ist das meist unkritisch, für Firmensoftware und sensible Daten braucht es eine fachkundige Prüfung.

Fazit

Vibe Coding macht Software so leicht herstellbar wie nie. Der Fall Artcraft beweist, dass ein erfahrener Einzelner mit künstlicher Intelligenz ganze Programmpakete von Adobe und Microsoft nachbauen kann, und er zeigt zugleich, wie weit der Weg bis zur Profi-Reife noch ist. Das Software-Abo stirbt deshalb nicht morgen, aber es verliert seine Selbstverständlichkeit. Für Nutzer ist das die beste Nachricht seit Langem: Mehr Konkurrenz bedeutet mehr Auswahl, fairere Bedingungen und sinkende Preise.

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Häufige Fragen

Was bedeutet Vibe Coding auf Deutsch?

Sinngemäß: Programmieren nach Gefühl. Man beschreibt der künstlichen Intelligenz in Alltagssprache, was eine Software tun soll, statt selbst Code zu schreiben. Der Begriff stammt von Andrej Karpathy und wurde 2025 zum Collins-Wort des Jahres.

Ist Vibe Coding kostenlos?

Viele KI-Werkzeuge bieten kostenlose Einstiegsversionen mit begrenzter Nutzung. Für größere Projekte fallen meist monatliche Gebühren an, oft ebenfalls als Abo. Die per Vibe Coding gebauten Artcraft-Programme selbst sind Open Source und kostenlos.

Sind die Artcraft-Apps ein vollwertiger Adobe-Ersatz?

Noch nicht. Die Programme sind in einem frühen Stadium, Nutzer berichten von Fehlern bei Grundfunktionen. Der Entwickler rechnet selbst mit Monaten bis zur nahezu vollständigen Funktionsgleichheit.

Kann jeder Vibe Coding lernen?

Ja, Programmierkenntnisse sind nicht zwingend nötig. Wer aber Software für andere oder für sensible Daten baut, sollte den Code prüfen lassen, weil künstliche Intelligenz Fehler und Sicherheitslücken erzeugen kann.

D. Volbracht, Gründer von 9b.de
Autor

D. Volbracht

Gründer & Chefredakteur 9b.de

D. Volbracht ist Gründer des Zukunftsmagazins 9b.de. Er wertet Daten und Statistiken aus und entwickelt mithilfe einer Vielzahl von KI-Werkzeugen interaktive Rechner und Tools zu Zukunftsthemen wie Finanzen, Energie, KI und persönlicher Entwicklung.

Quellen
  1. Ars Technica – „Software is over“: Bold AI developer takes aim at Adobe with open source clones (Oktober 2026)arstechnica.com/ai/2026/10/software-is-over-bold-ai-developer-takes-aim-at-adobe-with-open-source-clones/
  2. TechSpot – Developer uses AI to build free Adobe clones (8. Oktober 2026)techspot.com/news/114136-software-over-developer-uses-ai-build-free-adobe.html
  3. Tom’s Hardware – Creator of free Adobe clones unveils open-source Office replications (11. Oktober 2026)tomshardware.com/software/microsoft-office/creator-of-free-adobe-clones-unveils-open-source-microsoft-office-…
  4. US-Justizministerium – Adobe Agrees to $150 Million Settlement (März 2026)justice.gov/opa/pr/adobe-agrees-150-million-settlement-and-injunction-resolve-alleged-violations-restore-online
  5. Collins Dictionary – Word of the Year 2025: Vibe Codingcollinsdictionary.com/woty